... is that really everything???

Kapitel I.

"Och sei doch nicht schon wieder so."
"Ich bin nicht so, ich bin müde, also erspar mir wenigstens heute deine Bettelei wenn du meine Antwort sowieso schon kennst."
"Also kommst du mit, ja?"
"Bin ich gestern mitgekommen?"
"Em... naja zumindest nicht wirklich freiwillig".
Schlaftrunken hob ich meinen Blick in Richtung ihrer Augen, welche mich strahlend blau und voller Hoffnung anflehten, sie doch zu begleiten. "Schon gut, schon gut. Ich komme ja mit." Bewundernd merkte ich, dass ihre Augen noch heller leuchteten, wenn sie lächelte. "Aber heute bleiben wir nicht zu lange, verstanden?! Ich hab letzte Nacht wieder so schlecht geschlafen."
"Ist gut, hauptsache du schläfst nicht im Stehen ein." Sie lachte laut auf, nahm mich bei der Hand und zog mich in Richtung ihres Ziels. Ihre Hände waren immer so warm und weich, doch spürte ich deutlich ihre Knöchel: "Du bist zu dünn Mira. Wenn du nicht bald ein paar Kilo zunimmst, stopf ich dich an Weihnachten mit Keksen voll." Sie blieb kurz stehen, sah mich etwas gemein grinsend an und ließ verlauten, dass ich das jedes Jahr im Herbst sagen und ich ihr doch keine Kekse im Winter backen würde. Wo sie Recht hatte, hatte sie Recht. "Ich nehme zu, wenn du wieder anfängst zu lächeln, ok? Ich finde das ist ein guter Deal." Ohne weitere Worte zog sie mich bis zum Ende der Straße, zu "ihrer Bushaltestelle" an dem "ihr Traummann" in wenigen Minuten aussteigen würde. Es sollte wohl wie immer unbekümmert und lässig aussehen, wie sich Mira so an die Wand lehnte, doch merkte ein Blinder, dass sie vor Nervosität kaum still halten konnte. Unwillkürlich legte ich meinen Kopf schräg, musterte sie noch eine Weile und prustete dann laut los: "Mensch Kleines. Wieso gehst du nicht einfach mal direkt auf ihn zu und fragst ihn, wohin der Bus als nächtes fährt. Dann bemerkt er dich sicher mal und ihr..." - "Nein! Du weißt genau, dass ich das nicht kann!" Zuerst erschrocken, dann voller Verständnis legte ich meine Arme von hinten um sie und flüsterte ihr ein ehrliches "tut mir Leid, weiß ich doch" zu.
Ich kannte Mira seit sie ein kleiner Engel war, schließlich war ich dazu auserkoren ihr Gegenbild zu sein, und somit waren wir seit Gründung der Zeit miteinander verbunden. Ich wusste, dass sie sehr schüchtern war und sie mehr als nur Mut und Überwindung brauchte, jemandem ihre wahren Gefühle zu offenbaren. In solchen Momenten wie in diesem, tat sie mir unendlich Leid. Dennoch waren mir genau wie ihr die Hände gebunden, da es uns verboten war, Menschen gegenüberzutreten. "Was soll ich sagen Sera? Hallo, ich bin ein Engel namens Miraphin und habe mich in dich verliebt?! Mir ist es zwar untersagt dir meine menschliche Form zu zeigen, da du dann mit dem Tod bestraft wirst... oh Seraphin guck mal, da liegt er ja schon regungslos." Ihr trauriger Blick und Sarkasmus waren mir bekannt, aber solche Worte ließen sogar mir den Atem stocken. Erst jetzt merkte ich, wie groß ihre Verzweiflung mit der Zeit geworden war. "Es ist so... so verdammt unfair, verstehst du?!" Mitleidig sah ich zu, wie sie auf ihre Knie fiel, ihr Gesicht in den dünnen Händen verbarg und herzzereißend begann zu schluchzen. "Sera lass mich bitte wieder schlafen." Ihrem Wunsch Folge leistend, beugte ich mich neben sie, legte ihren Zeigefinger an meine Lippen und ließ sie mit einem Lidschlag einschlafen. Behutsam hob ich ihren leichten Körper in meine Arme als ich plötzlich erschrocken und mit aufgerissenen Augen Miras Traummann neben mir stehen sah. Er kniete sich genau vor mir hin und hob eine weiße Feder auf. Der Teer, auf der sie lag, färbte sich immer dunkler von den Regentropfen.

6.11.07 21:35

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